LOBBYAFFÄRE PHILIPP AMTHOR

Investoren fragen: Wie kriminell ist Augustus Intelligence?

Augustus Intelligence in der Bredouille – Gründer setzt CEO-Mandat aus

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US PRESS GROUP

In der Lobbyaffäre um den CDU-Politiker Philipp Amthor gerät das mysteriöse New Yorker Start-up Augustus Intelligence zunehmend unter Druck. Am Freitag teilte das Unternehmen mit, dass Gründer und Vorstandschef Wolfgang Haupt sein Mandat als CEO vorübergehend aussetzt. Ihn ersetze übergangsweise Chefjustiziar Ramsey Taylor, bis der Vorgang um Amthor durch eine unabhängige Untersuchung aufgeklärt sei.

„Der unabhängige Bericht dient dem Nachweis, dass das Unternehmen sich stets voll dafür einsetzt, seine Geschäfte nach den höchsten ethischen Standards zu führen“, hieß es in einer Erklärung am Freitag. Doch worin diese eigentlich bestehen, bleibt unklar.

„Wir sind ein ziemlich junges Technologieunternehmen, fokussiert auf Künstliche Intelligenz und haben ein bisschen mehr als 100 Mitarbeiter“, stellt sich Haupt im Mai bei einer Videokonferenz vor. Da hatte Haupt schon die Mitarbeiter eines Unternehmens eingerechnet, das Augustus gerade übernimmt.

Einen Monat später sendete das Unternehmen eine E-Mail an Journalisten, in der es von 80 Mitarbeitern spricht und davon, dass es sich im „Stealth Mode“ befinde. Als „Stealth“ bezeichnen sich Start-ups, die noch an ihrem Produkt arbeiten und deshalb das Licht der Öffentlichkeit meiden. Außer eben Haupt.

Der Augustus-Gründer strebte offenkundig nach Aufmerksamkeit und Prominenz, war aber ungewöhnlich verschlossen, wenn es um sein Produkt und Geschäftsmodell geht. Nicht einmal seine Geschäftspartner verstehen so recht, was der technologische Kern des 2018 gegründeten Unternehmens ist.

„Sie sind extrem verschwiegen“, sagt einer, der mit Augustus zu tun hatte. Gleichzeitig aber sucht Augustus einen engen Draht in die Spitzen der deutschen Politik – ohne dass offensichtlich ist, was ihnen der eigentlich bringt.

Mit der Heimlichkeit ist es seit vergangener Woche ohnehin vorbei. Da enthüllte der „Spiegel“, dass Augustus Intelligence den CDU-Jungstar Philipp Amthor mit einem Direktorenposten und Aktienoptionen versorgt hatte. Amthor sprach mit den Gründern mehrmals in Bundesministerien vor, schon kurz nach der Gründung durften sie mit Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) sprechen. Inzwischen hat Amthor Posten und Optionen zurückgegeben.

Auch seine „freie Mitarbeit“ bei der Wirtschaftskanzlei White & Case habe er niedergelegt, um sich „politisch nicht noch angreifbarer zu machen“, wie Amthor dem „Spiegel“ nun mitteilte. Bislang habe der Jungpolitiker monatlich zwischen 1000 und 3500 Euro von der Kanzlei erhalten. Firmenunterlagen von Augustus Intelligence, die dem „Spiegel“ vorliegen, sollen beweisen, dass eine Verbindung zwischen White & Case und dem US-Start-up besteht.

Die politische Debatte beginnt dagegen erst, die Kritik an Amthor reicht von ganz links bis in seine eigene Partei. Parteikollege Friedrich Merz wirft ihm vor, „Mist gebaut“ zu haben, die linke Innenpolitikerin Martina Renner fragt gar, ob Augustus die „Tarnfirma eines Geheimdienstes“ sei.

Auch andere konservative Männer scharte Haupt um das Unternehmen: Den Titel des President of General Affairs der Firma hat Karl-Theodor zu Guttenberg, der nach der Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit vor knapp zehn Jahren in die USA zog und dort seitdem als Start-up-Investor auftritt.

President of Business Affairs ist Charles-Edouard Bouée, bis Juli 2019 Chef der Münchener Strategieberatung Roland Berger. Für ein kaum zwei Jahre altes Unternehmen ist das ein beeindruckender Kader. Dass erfahrene Gründer oder renommierte Experten für Künstliche Intelligenz zu Augustus’ Beraterkreis zählen, ist dagegen nicht bekannt.

Selbst Mitgründer Pascal Weinberger hat das Unternehmen offenbar bereits im März verlassen. Laut seinem LinkedIn-Profil arbeitet der 23-Jährige, der bei Augustus den Titel „Chief AI Officer“ trug, bereits an seiner nächsten Gründung. Für Investoren ist der Abgang eines Mitgründers in einer so frühen Phase eine große, rote Warnleuchte.

Denn Weinberger gilt als KI-Wunderkind, das schon als Teenager bei Google arbeitete und später in einem Entwicklerlabor des spanischen Telekomkonzerns Telefónica an „empathischer KI“ mitwirkte.

Der KI-Investor Fabian Westerheide kennt Weinberger gut. 2017 trat er auf Westerheides Konferenz „Rise of AI“ auf. „Pascal ist energievoll, visionär, intelligent und kann die Leute begeistern“, sagt Westerheide. Zu Weinbergers Abgang bei Augustus sagt Westerheide: „Man hat mal gute und mal schlechte Firmen. Das gehört dazu.“ Weinberger selbst reagierte auf eine Gesprächsanfrage des Handelsblatts nicht. Auch Augustus beantwortete die Fragen des Handelsblatts nicht.

Fest steht: Weinberger verließ das Augustus-Management in einer kritischen Phase: Mitte Januar verklagte das Unternehmen zwei ehemalige, hochrangige Mitarbeiter, weil sie Geschäftsgeheimnisse für ein anderes Unternehmen genutzt haben sollen. Die ehemaligen Augustus-Manager bezeichnen das Start-up seitdem als gewaltigen Betrug und werfen dem Management vor, sie getäuscht zu haben.

Zudem übernahm Augustus Anfang 2020 zwei deutlich weiter entwickelte US-Unternehmen, die es nun integrieren muss: XBrain und Moblty. XBrain entwickelt in Menlo Park im Silicon Valley und in Paris eine Chatbot-Software namens Satisfaction.ai, die Firmen im Kundenservice einsetzen. Das Unternehmen wurde 2012 von einem französischen Unternehmer und einem belgischen Entwickler gegründet und soll in diesem Jahr auf 700.000 Euro Umsatz zusteuern.

Moblty dürfte der deutlich größere Fisch gewesen sein: Das Unternehmen aus New Jersey entwickelt interaktive Bildschirme für Einzelhandelsfilialen, die etwa in der US-Apothekenkette CVS hängen. In acht Jahren hatte Moblty laut dem Fachdienst Crunchbase mehr als 20 Millionen Dollar von Investoren eingeworben, zuletzt erhielt es 2018 Geld. Falls das Unternehmen nicht bis Ende vergangenen Jahres in große Schwierigkeiten geraten ist, dürfte der Kaufpreis bei einem Mehrfachen der Investitionssumme gelegen haben.

Inzwischen erklärt Augustus, es sei ein auf Geschäftskunden ausgerichtetes Tech-Unternehmen, das „durchgehende, vertikal integrierte Lösungen für Künstliche Intelligenz (KI)“ entwickle, die sich „auf alle Branchen anwenden“ ließen. „Dabei liegt der Schwerpunkt heute vor allem auf den Techniken ‚Computer Vision‘ und ‚Natural Language Processing (NLP)‘“

Die Akquisitionen passen zu dem skizzierten Geschäftsmodell. „Wir generieren die Daten, Augustus entwickelt den KI-Algorithmus“, sagt ein Insider eines der übernommenen Unternehmen.

Eine Briefkastenfirma ist Augustus also nicht, das Büro im One World Trade Center haben schon viele gesehen – und sich gefragt, warum ein so junges Start-up an einer derart exklusiven Adresse logiert. Für eine Tarnfirma wäre der Aufwand, der betrieben wird, enorm.

Augustus hat reale Angestellte, die am MIT oder am Forschungszentrum CERN in Genf studiert haben und im Namen der Firma Blogbeiträge und Fachaufsätze veröffentlichen. Als Chief Business Operations Officer im Pariser Büro warb Augustus eine Roland-Berger-Seniorpartnerin und Vertraute von Ex-Chef Bouée ab.

Fraglich ist aber, wie Augustus das Personal und die Übernahmen finanziert – und wie viel Geld noch übrig ist. Amthor schwärmte in einem Brief an Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) von einer Unternehmensbewertung von 250 Millionen Dollar.

Öffentlich bekannt ist aber nur, dass Augustus Anfang 2019 1,1 Millionen Dollar von Investoren bekam. Milliardär Finck hat laut „Spiegel“ 11,2 Millionen Dollar in Augustus gesteckt. Eine angebliche Geldspritze des amerikanischen Milliardärserben Kevin Washington über 50 Millionen Dollar, die Haupt vor Geschäftspartnern erwähnte, soll sich dagegen nie materialisiert haben.

Die Finanzierung soll fast ausschließlich von deutschen Familien gekommen sein, sagt ein Kenner der New Yorker Venture-Capital-Szene. „Was man in VC-Kreisen ‚Dumb Money‘ nennt.“ Verschiedene Wagniskapitalgeber hätten sich das Unternehmen angeschaut, aber nicht investiert, weil die Bewertung durch die Familien viel zu hoch sei.

Augustus versuche, Künstliche Intelligenz für Datenanalyse im Industriebereich anzubieten, sagt der New Yorker Investor. In diesem Feld gebe es allerdings bereits Dutzende Firmen.

Haupt, der keinerlei KI-Erfahrung hat, ist in der New Yorker VC-Szene kaum bekannt – obwohl er nebenbei sogar ein weiteres Start-up besitzt, das Koffer verkauft. Guttenberg gilt dagegen als wichtiger Strippenzieher, sagt der Investor. Seine Firma Spitzberg Partners gelte als Lobbyisten-Verein, der sich als Venture-Capitalist verkleidet.

Ob Augustus jemals einen Vorteil aus seinen politischen Kontakten zog, ist indes völlig unklar. Die plötzliche Bekanntheit schadet ihm nun aber ebenso wie der Mythos, den es um sich kreiert hat.

Augustus’ vage Selbstbeschreibungen, die Ausrichtung auf Künstliche Intelligenz und die Kontakte zu Ex-Geheimdienstlern ließen manche schon spekulieren, ob das New Yorker Start-up ein deutsches Palantir werden wolle – das geheimnisvolle Milliardenunternehmen von Facebook-Investor Peter Thiel, das sein Geld mit Big-Data-Analysen für Sicherheitsbehörden verdient und vor dem Börsengang steht.

Inzwischen drängt sich eher der Vergleich mit einem anderen US-Start-up auf. Eines, das ebenfalls statt Fachleuten prominente Politiker und Geschäftsleute um sich scharte. Das um seine Technologie so ein Geheimnis machte, dass statt fachkundigen Risikokapitalgebern vor allem alte, reiche Familien dort investierten.

Das mysteriöse Bluttest-Start-up Theranos, das es mit seinen großspurigen Versprechen einst auf eine Unternehmensbewertung von neun Milliarden Dollar brachte – und schließlich implodierte.

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